Der verlorene Zug

kolumne_geschichte
Es ist der Morgen des 23. April 1945, etwa 2 Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation der dt. Wehrmacht. Wir befinden uns in der Nähe von Tröbitz, genauer bei Bahnkilometer 106,7 aus Richtung Falkenberg im heutigen Kreis Elbe-Elster.
Auf den Schienen der Bahnstrecke steht ein verlassener Zug. Als die Truppen der Roten Armee die Waggontüren öffnen, bietet sich ihnen ein grausamer Anblick. Zwischen zahlreichen Toten befinden sich völlig erschöpfte Menschen, näher am Tod als am Leben. Wie sich später herausstellte, war dieser Zug der letzte von Dreien aus dem KZ Bergen-Belsen, welcher in den letzten Wochen des NS-Regimes mit insgesamt 2400 Juden ( unter ihnen auch zahlreiche Frauen und Kinder verteilt auf 46 Wagen ) auf die Fahrt nach Theresienstadt ins dortige Konzentrationslager geschickt wurde.
Bereits unterwegs musste man öfter halten, um die Leichen neben der Bahnstrecke zu verscharren. Die meisten waren aufgrund von Typhus oder einfach an Hunger verstorben. Viele jedoch auch an den Folgen von Luftangriffen der Strecke. Letztendlich kam der Tross am 22. April 1945 bei Kilometer 101,6 bei Langennaundorf zum Stehen. An der Stelle wurde ein Massengrab ausgehoben und 16 Tote beerdigt. Tags darauf wurde er aus kriegsstrategischen Gründen nochmals bis zur finalen Fundstelle umgesetzt und verschlossen zurückgelassen.

Er ging in die Geschichte ein als “ der verlorene Zug “ oder treffender “ Zug der Verlorenen „.

Im weiteren Verlauf wurde ein notdürftiges Lazarett eingerichtet, die Epidemie eingedämmt und es konnten viele Menschen gerettet werden. Viele Einwohner nahmen sogar Juden bei sich zuhause auf, auch auf die Gefahr hin, sich mit Typhus anzustecken. Leider starben im weiteren Verlauf nochmals 320 Menschen an den Folgen dieser Tortur, darunter auch 26 helfende Einheimische. Nicht zuletzt auch durch das selbstlose Anpacken der Einwohner in den umliegenden Dörfern und deren Hilfsbereitschaft, haben rund 1500 der 2400 Gefangenen überlebt und konnten bereits bis Ende August, mit Hilfe der mittlerweile eingetroffenen Alliierten, das Dorf verlassen.

Was sollten wir daraus lernen oder noch besser, was haben wir daraus gelernt?

Ich selbst war am gestrigen Tag an eben dieser Stelle bei Kilometer 101,6 , der Stelle des Massengrabes und durfte an der Gedenkveranstaltung teilnehmen. Zur Erinnerung und zur Ehre der 16 dort begrabenen Juden,darunter 2 Kinder, wurde dort 1989 ein Stein gesetzt, an dessen Sockel die Namen der dort Ruhenden stehen.
Es waren nicht viele Menschen dort, vielleicht 30, Angehörige der Opfer, Anwohner und Vertreter der jüdischen Gemeinde und des Landkreises, sogar eine Schulklasse. Es war ein stilles Gedenken, mitten im Wald.

Der Rabbiner begann mit seinen Ausführungen und sagte die für mich prägendsten Sätze bisher:

„ …Wir reden bisher immer nur von der Nachkriegsgeschichte…vielleicht sind wir aber mitten in der Vorkriegsgeschichte, nochmehr Nationalismus, nochmehr Ausländerfeindlichkeit. Man hätte daraus lernen müssen, nur leider tat man es nicht. Und jetzt ersticken Leute in Lastwagen oder Containern auf der Flucht und ich mache mir Sorgen, dass wir irgendwann die nächste oder die übernächste Generation hier stehen haben werden und die Fragen hören: Wo genau ist mein Opa hier gestorben … “

ME

Quellen:
http://lokschuppenherzberg.de/-der-verlorene-zug-/index.html

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Verlorener_Zug