Religion verstehen – Das Judentum – Ein Interview

judentumIn unserem Interview über das Judentum redeten wir mit Sergey Romanov. Er ist seit längerer Zeit Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Er erklärte sich nach unserem Interview dazu bereit, Fragen von Euch zu beantworten. Falls ihr ihn etwas zu seiner Religion fragen möchtet, schreibt es einfach in die Kommetare, wir werden ihn dann nochmals interviewen. Hier nun das Interview:

1. Nehmen wir mal an, jemand hätte noch nie etwas von Ihrer Religion gehört – wie würden sie dieser Person erklären, was das Judentum ausmacht?

Eine archaische, sehr bodenständige Stammesreligion, die dem richtigen Verhalten einen größeren Wert beimisst als dem richtigen Glauben. Eigentlich ein Lebensstil in gleichem Maße wie eine Religion.

2. Was bedeutet Ihnen Ihre Religion?

Es ist ein Teil der einzigartigen Kultur, die ich als meine eigene empfinde, verstärkt also mein Zugehörigkeitsgefühl.

3. Wie leben Sie Ihre Religion im Alltag und wie halten Sie die Regeln ihrer Religion hier in Deutschland ein?

Im Alltag – so gut wie gar nicht, halte mich auch an keine Vorschriften, ich bin ein überzeugter Atheist. Jeden Samstagmorgen gehe ich allerdings in die Synagoge – ich bin der einzige in der Cottbuser Gemeinde, der hebräischer Sprache mächtig ist und eine Ahnung vom Ablauf des Gottesdienstes hat, übernehme deswegen normalerweise die Rolle des Vorbeters. Ich fühle gewisse Verpflichtung gegenüber der Gemeinde, denn ohne mich wird der Morgengottesdienst gar nicht stattfinden.

4. Welche Hindernisse erleben Sie im Alltag bei der Ausübung Ihrer Religion?

Keine, da ich sie nicht ausübe.

5. Wie steht Ihre Religion zu anderen Religionen oder Menschen die nicht an einen Gott glauben?

Unterschiedlich. Es gibt mehrere Richtungen innerhalb Judentums. So was wie jüdische Mission gibt es glücklicherweise seit langem nicht mehr. Auch das richtige Benehmen steht meist vor dem richtigen Glauben.

6. Engagieren Sie sich in Ihrer Gemeinde für Geflüchtete?

Nein.

7. Sehen Sie Deutschland als Ihre Heimat?

Meinetwegen. So ganz zu Hause fühle ich mich wohl nicht, aber es liegt definitiv nicht an Deutschland oder Deutschen, sondern ausschließlich an mir selbst. In Russland, meiner alten Heimat, bin ich allerdings auch seit langem nicht gewesen, vielleicht wird es mir heutzutage auch dort manches fremd erscheinen.

8. Wie erlebt Sie den großen Zulauf rechter und nationaler Bewegungen und Parteien wie AfD und Pegida?

Bis jetzt hatte es keine Auswirkungen auf mein Leben.

9. In Cottbus steht seit kurzem Brandenburgs erste Synagoge. Wie war das Echo aus der Stadt, gab es positive/negative Zwischenfälle?

Gemischt. Es gab und gibt ganz viele positive Zwischenfälle, es kommen immer wieder Leute und drücken ihre Bewunderung und Freude aus, manche schenken sogar irgendwelche alte Gegenstände, die sie besaßen (ein altes jüdisches Kochbuch, ein Leuchter etc.). Andererseits gab es auch unangenehme Zwischenfälle (eine Fensterscheibe eingeschlagen, eine Türpfostenkapsel (Mesusa) geklaut).