Augenzeugenbericht aus dem Bahnhof – (1)

Da der Bahnhof besonders stark am 15.02.1945 getroffen wurde, haben wir auch gleich mehrere Augenzeugenberichte aus dem Bahnhofsbereich. Heute ist der Bericht eines Bahnhofsangestellten an der Reihe, der an dem besagten Tag an der Fahrkartenausgabe seinen Dienst versah. Das Foto des Funktionsgebäudes des Bahnhofs von 1945 zeigt die Zerstörungen sehr eindrucksvoll. Heute ist von dieser Zerstörung auf den Bahnsteigen nicht mehr viel zu sehen. Hier der Augenzeugenbericht:

„An diesem 15. Februar machte ich meinen Dienst wie immer in der Fahrkartenausgabe im Bahnhof Cottbus. Durch das Bürofenster sah ich auf die Nordseite des Bahnhofs. Täglich standen die Menschen Schlange vor den Schaltern und verlangten Fahrkarten in Richtung Westen. […]
Eine entfernte Verwandte war mit Gepäck und 3 Kinder von jenseits der Neiße in Guben auf dem Weg nach Lübben und wartete auf dem Berliner Bahnsteig auf den Personenzug. Ich wollte ihr beim Einsteigen helfen. […] Es ging schon auf Mittag zu und ich ging wieder zum Bahnsteig. Da gingen plötzlich die Sirenen, ich sah zum Himmel Richtung Lutherkirche, sah die Flugzeuge, die Bomben fielen, Rauch stieg auf. Wo jetzt hin?

Ich griff mir den Ältesten der Kinder, die Mutter wie die beiden anderen Kinder. Wir standen in der Nähe der Abgangstreppe und drängten nach unten. Zum Tunnel war schon alles überfüllt und von oben drängten weiter die Menschen nach unten. Das Inferno über uns ging los. Plötzlich wurde es finster. Reklametafeln, durch die Erschütterungen, lose geworden, fielen auf uns herab. Wie lange wir so ausharrten, weiß ich nicht mehr. Dann kam die Entwarnung. Wie ich die Verwandten entlassen hab, weiß ich nicht mehr. Ich ging wie betäubt in die Bahnhofshalle. Gott Lob, das Bahnhofsgebäude stand noch. Aber die Scheiben der Schalter lagen als Scherben in der Halle. Die Pautzen zum drucken der Fahrkarten und Geld lagen ebenfalls in der Bahnhofshalle. Ich sammelte alles auf, ging in unsere Räume und brachte das Geld in den Geldschrank. Ich ging nach Hause. Ich sah die ersten Bomben im Süden fallen. Was würde mich dort erwarten?

Auf der Bahnhofsrampe kam ich vorbei an toten Menschen, an toten Pferden. Die Bahnhofsbrücke Richtung Süden war passierbar. Aber weiter musste ich an zerbombten Häusern vorbei, überall brannte es, die Lutherkirche brannte. […]“

Quelle: Stadtmuseum & Stadtarchiv Cottbus.