Augenzeugenbericht aus der Branitzer Siedlung

Wie wir gestern schon angekündigt haben, veröffentlichen wir heute den ersten Augenzeugenbericht vom 15.02.1945. Verzweiflung macht sich breit bei einem solchen Szenario und trotzdem findet der Erzähler Glück. Ein Foto des zerstörten Bahnübergangs in der Bautzener Straße unterstreicht dabei den Bericht recht eindrucksvoll. An dieser Stelle sei nochmals dem Stadtmuseum & dem Stadtarchiv Cottbus gedankt, welches uns den Bericht und die Fotos zur Verfügung gestellt hat. Hier nun der Bericht:

„Als Schüler der damaligen Hindenburg-Mittelschule haben wir schon keinen Unterricht mehr. Wir werden eingesetzt zur Betreuung der durchfahrenden Züge mit Verwundeten oder Flüchtlingen, die in Richtung Westen unterwegs sind. Dann werden wir Jungen – 14 Jahre alt – gebraucht zum Panzergräbenbau. Im Saal der Gaststätte „Schützenhaus“ in Sandow werden wir einquartiert und marschieren nun jeden Tag durch die Branitzer Siedlung hinaus vor die Stadt. So auch an diesem 15. Februar 1945. Gegen Mittag geht es zum Mittagessen zurück, jedoch kommen wir nicht weit.

In der Branitzer Siedlung angekommen, hören wir schon die anfliegenden Bomber und bald fallen die ersten Bomben, die wir aus Richtung Bahnhof auf uns zukommen sehen. Eisenbahnschienen drehen sich gegen den Himmel und Staub, Geröll und andere Trümmer fliegen hoch in die Luft. Wir suchen Schutz und rennen auseinander. Auf der Straße stehen mehrere Panzer, ich krieche zu meinem Schutz unter den ersten erreichbaren, wie andere auch. So erleben wir die erste Angriffswelle der Bomber.[…]

Wie lange dieses Inferno dauerte, vermag ich nicht mehr zu sagen, aber als der Angriff vorbei war, gab es für mich nur noch eines: nach Hause. […] Mein Lauf führte mich über den Wernersteg, durch die Stromstraße, Parzellenstraße in Richtung Bautzener Straße. Vorher musste ich über den Bahnübergang, doch hier war ein unbeschreibliches Chaos. Auf den Schienen standen die Reste eines Güterzuges, Flüchtlinge liefen schreiend herum und überall lagen Leichen und zerrissene Körperteile von Menschen. Der Anblick beschleunigte mein fluchtartiges Laufen in Richtung der Wohnung. […] Die Hälfte der Häuser unserer Straße war in Trümmern, aber dann: unser Haus stand! Auch meine Mutter war wie die anderen Frauen im Luftschutzkeller und nahm mich erleichtert wieder in die Arme. Alle waren am Leben. […]

Die Tage und Wochen danach vergingen ohne besondere erinnerungsfähige Ereignisse, die Front kam immer näher und die Straßen waren voll mit flüchtenden Menschen und immer mehr Militärbewegungen. Zwei Monate später standen die russischen Truppen vor den Toren der Stadt.“

Quelle: Stadtmuseum & Stadtarchiv Cottbus.