Augenzeugenbericht aus der Görlitzer Straße/Dresdner Straße

Die Görlitzer Straße und Dresdner Straße ist heute Schauplatz eines Augenzeugenberichtes vom 15.02.1945. Dazu haben wir ein Foto eines Wohnhauses in der Dresdener Straße von 1945 hinzugefügt und ein Foto der Unterführung in der Dresdener Straße (heute Straße der Jugend) von 1945 im Vergleich mit einem Foto von heute. Wie wichtig der Informationsaustausch und die Informationsverfügbarkeit für sich in Kriegsgebieten befindlichen Menschen ist, sollte nach diesem Bericht deutlich sein. Viele wunderten sich über Smartphones, damals war es Drahtfunk. Alle Bilder und der Bericht sind auch dieses Mal vom Stadtarchiv & Stadtmuseum zur Verfügung gestellt worden. Vielen Dank dafür. Hier nun der Bericht:

„Sehr stark beeinflusst sind meine Eindrücke von meinem Wohnumfeld in der Görlitzer Straße, in dem ich seit meinem dritten Lebensjahr aufgewachsen bin. Die Fenster des Wohnzimmers waren auf die östlichen Gleisanlagen des Bahnhofs Cottbus gerichtet. […]

Es hatte schon lange Voralarm gegeben. Die letzte Meldung vom Drahtfunk (der örtliche Luftwarnsender) kündigte den Anflug starker Bomberverbände auf das Stadtgebiet aus Süden an. Am geöffneten Fenster waren eigentümliche pfeifende Geräusche zu hören. Dann heulten die Alarmsirenen auf, zu spät, denn die ersten Bomben detonierten bereits. Wir, meine Mutter und ich, rasten die Treppe hinunter und vor dem Kellereingang kam uns schon die Haustür hinterher geflogen. Dann folgte Schlag auf Schlag, mal näher mal ferner, der Kellerboden hob und senkte sich, mehrere Bewohner flehten Gott um Hilfe an, keiner saß noch auf seinem Stuhl oder Bank, alle hockten geduckt auf dem Boden wie von überirdischer Gewalt gedrückt. In lebhafter Erinnerung habe ich noch die Ratschläge eines Fronturlaubers, der meiner Mutter riet, […] an seinen Platz – einem Türdurchbruch – zu hocken, falls das Haus einstürzt. Unmittelbar danach folgte ein Schlag, die dicken, gasdichten Luftschutztüren, die nur von kräftigen Personen verriegelt werden konnten, flogen wie Windfangtüren auf und eine Druckwelle mit Zementstaub jagte in die Kellerräume. Wir sahen unser Ende gekommen. Aber unser Haus blieb stehen. Die Explosionen entfernten sich, aber es kam keine Entwarnung. Unser Luftschutzwart, ein gewissenhafter Mann, wollte unsere Lage erkunden, kam aber immer mit der Nachricht wieder, dass laufend noch Bomben explodierten. So saßen wir bis ungefähr 14.00 Uhr im Keller bis mein Onkel, ein Lokführer, erschien und uns klar machte, dass die Explosionen von einem brennenden Munitionszug auf der Nordseite kommen. Sein Ziel war, […] uns aufzufordern, alles mögliche zu packen, weil erzählt wird: Die kommen nachts wieder und erledigen den restlichen Teil der Stadt. […]
Der Handwagen war schnell gepackt, denn wir hatten ja schon lange Order uns auf eine Evakuierung vorzubereiten. Die Görlitzer Straße war gut passierbar, aber dann in der Dresdener Straße kamen wir ins Chaos. Soldaten waren zwar schon mit Räumarbeiten beschäftigt, aber wir mussten zwischen Bombentrichtern, Pferdekadavern, Mauerschutt, Straßenbahnmasten und Oberleitungen Slalom fahren. Vorbei ging es an brennenden Häusern und ohne Zupacken der Soldaten hätten wir den Weg nicht geschafft. Das war ein echtes Kriegserlebnis.“

Quelle: Stadtmuseum & Stadtarchiv Cottbus.