[H]AN[D]GEHALTEN!

Wahlkampfendspurt der AfD Brandenburg in Cottbus. Wir waren mit dabei:

HandgehatenAlexander Gauland und seine Parteikollegen haben in Cottbus vor allem eines gemacht: Ihre potentiellen Wähler auf dem Oberkirchplatz für dumm verkauft. Wie wir zu dieser Einschätzung kommen, erklären wir euch im Folgenden:
 
Gleich zu Anfang sorgte AfD-Kreisvorstand Steffen Kubitzki für einen entlarvenden Moment. Seine tatsächlich ernstgemeinte Aussage, wonach es in Cottbus doch gar keine Nazis gebe, wurde nur mit mäßigem Applaus aus dem schon zu diesem Zeitpunkt recht großen Publikum quittiert. Dass das allerhöchstens Wunschdenken ist, bestätigen zahllose Ereignisse der letzten Wochen und Monate – und schon allein die Existenz eines NPD-Kreisverbandes. Auch unsere Freunde von „Cottbus schaut hin“ halten beinahe täglich Anderes fest.
 
Auch Alexander Gauland ging gleich in die Vollen. Schon in den ersten Sätzen kam er auf die E-Mail der Spitzenkandidatin Weidel zu sprechen und sagte: „Da werden E-Mails erfunden…“. Eine offensichtliche Lüge. Weidel selbst spricht nicht einmal mehr von einer Fälschung. Dazu ein Zitat aus der FAZ:
 
„In einem aktuellen Schreiben an die „Welt am Sonntag“ gesteht ihr Anwalt grundsätzlich ein, dass Weidel und der E-Mail-Empfänger tatsächlich eine Korrespondenz geführt haben. Und der Fälschungsvorwurf wird über die konkrete Mail in dem vier Seiten langen Brief nicht mehr erhoben. Weidel verlangt darin weder eine Unterlassung noch einen Widerruf der Berichterstattung. Auch eine eigene eidesstattliche Versicherung, dass sie die Mail nicht verfasst habe, hat Weidel nach Angaben der Zeitung bislang nicht abgegeben. Sie will mit dem neuen Anwaltsschreiben demnach lediglich weitere Veröffentlichungen ihrer Korrespondenz unterbinden.“
 
Das spricht für sich.
 
Weiter im Text: Gauland sprach davon, dass die AfD die einzig demokratische Kraft sei. Das ist ohne Frage falsch. Andreas Kalbitz legte noch einen drauf und sagte, die AfD sei die „echte demokratische Opposition […], sonst gibt’s da nichts. Das ist Einheitsbrei, die sind sich da untereinander alle einig.“ Nun, dass Linke und Union sich untereinander einig sind, wäre mir neu. Oder die Vorstellungen von Union und Grünen bezüglich Klimapolitik und Braunkohle. Geschenkt, verbuchen wir das unter Wahlkampfgeschwätz.
 
Wo hat Gauland noch gelogen? An einer Stelle wiederholte Gauland das völlig sinnentfremdete Zitat von Martin Schulz („wertvoller als Gold“) und setzte es BEWUSST in einen falschen Kontext. Vermutlich in der Hoffnung, seine Wähler wüssten nicht, was Martin Schulz tatsächlich gesagt hat. Gauland ist nicht dumm. Ganz im Gegenteil, er hält seine Wähler offensichtlich für dumm.
 
Die vielleicht dickste Lüge des Abends lieferte Gauland gleich hinterher. Der AfD Spitzenkandidat legte dem Kanzleramtschef Peter Altmaier folgendes Zitat in den Mund: „Lieber wählt nicht, aber wählt nicht AfD.“ Dumm nur, das Altmaier das nie so gesagt hat. Der Tagesspiegel hat dazu einen guten Artikel verfasst. Bitte vor der Empörung ganz durchlesen: http://www.tagesspiegel.de/politik/debatte-ums-nicht-waehlen-peter-altmaier-voellig-richtig-oder-doppelt-daneben/20352602.html
 
Außerdem sagte Gauland, dass uns unser Land weggenommen wird, Parteien das Volk auflösen wollen und die „bezahlten Psychologen im Fernsehen“ uns sagen würden, wir müssten uns an den Terror gewöhnen. Beides ist selbstverständlich Unsinn und nebenbei bemerkt ganz klar auf einer Linie mit rechtsextremen Agitationen der NPD oder auch der Identitären Bewegung.
 
Auch der Tempelberg und das angebliche Kuschen christlicher Vertreter vor Muslimen wurde von Gauland thematisiert. Ja, Erstere haben ihre Kreuze abgenommen. Sie haben aber auch beim Besuch einer Moschee ihre Schuhe ausgezogen und an der Klagemauer ihre Köpfe bedeckt. Die Welt hat dazu einen interessanten Artikel veröffentlicht: https://www.welt.de/kultur/article159343863/Die-absurde-Wut-der-deutschen-Garderobenwaechter.html Auch hier erzählt Gauland wieder nur die halbe Wahrheit.
 
Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll aber einen Überblick darüber geben, was Gauland scheinbar von seinen Wählern hält.
 
Und was die Partei von ihren eigenen Kandidaten hält: Die Rede der Cottbuser Direktkandidatin Marianne Spring-Räumschüssel war sogar dem AfD-Wahlkampfbus zu viel, der vorzeitig das Gelände verließ. So wie auch ein großer Teil der Zuhörer.

Selbstverständlich…

Handgehaten… Als frisch gebackene Mutter fühle ich mich gerade glücklich und stolz, genieße jede Sekunde, die ich mit meinem kleinen Mädchen verbringen kann.
Ich kuschel und küsse sie und vergesse Raum und Zeit.

Es ist für mich normal und selbstverständlich, dieses Glück zu genießen. Doch

dann kommen in mir Gedanken auf, wie es anderen Müttern geht, die nicht Raum und Zeit vergessen können, so wie ich.
Ihr Leben ist von Angst und Schrecken gezeichnet.

Meine Gedanken kreisen, wie ich mich fühlen würde, welche Angst mit mir wäre.

Was ist mit der medizinischen Versorgung während der Geburt oder nach der Geburt. Wird mein Kind jemals was anderes sehen, als Krieg und Zerstörung?
Werde ich es gut umsorgen können, immer genug zu Essen und zu trinken haben?
Wird mein Kind glücklich sein, kann es unbeschwert seine Kindheit erleben und
wird mein Kind diesen Krieg überhaupt überleben?

Ich könnte weiter nachdenken, noch mehr würde mir einfallen, doch mir stehen die Tränen in den Augen.

In der Zeit, wo ich mein kleines Mädchen liebkose, trauert eine Mutter um ihr verlorenes Kind.

Für mich ist es selbstverständlich, dass es meinen Kindern gut geht und ich mein kleines Mädchen im Arm halten kann, ohne Ängste zu haben.

Ich schäme mich für diesen Luxus irgendwie, da es so selbstverständlich ist, dass man darüber doch gar nicht mehr nachdenkt, was man jeden Tag genießen darf.
Doch es gibt diese Art Menschen, die mit allem unzufrieden sind, die sich immer benachteiligt fühlen oder Angst haben, ihnen würde etwas genommen werden.
Wenn ich Bilder sehe, wo Kinder mit ihren großen Kulleraugen, die verloren und voller Angst in die Kamera sehen, dann berührt es mich zutiefst und macht mich unendlich traurig.
Doch es macht mich auch wütend, über all diejenigen, denen es egal ist. Die mit Hass und Wut Flüchtlingen gegenüber treten und alle als kriminell und bösartig sehen.
Es macht mich wütend, dass aus Protest die AFD gewählt wird.

Ich habe einen Film gesehen, den ich gerne mit euch teilen möchte, denn er hat mich bewegt, diese Zeilen hier nieder zu schreiben und hoffe, dass ich den ein oder anderen zum nachdenken anregen konnte.

Danke, Steffi.

 

Persönliche Worte von Marcel

Wie es mich aus tiefster Seele ankotzt, diese Kommentare zu lesen. Meist abgegeben von Mitbürgern, die nichtmal der eigenen Muttersprache mächtig sind, geschweige denn aufgrund ihres Alters irgendetwas bewegendes geleistet haben können in unserer Gesellschaft. Natürlich sind es keine Nazis oder Rassisten, sondern einfach erbärmliche Arschlöcher, die sich nicht selten hinter Pseudonymen und Bildern ihrer Haustiere verstecken, mit einem mehr als fragwürdigen Weltbild, welches uns mindestens schon einmal fast in den Weltuntergang getrieben hat und das unser Ansehen wahrscheinlich für immer beschmutzen wird.
JA ein syrischer Flüchtling ist dringend tatverdächtig eine Rentnerin umgebracht zu haben und JA es ist nicht der erste Vorfall dieser Art.
Sollte man deshalb diesen schockierenden Umstand nutzen, um pauschal gegen Menschengruppen zu hetzen, die bei uns Zuflucht suchen? Ein klares NEIN
Solche Menschen sind für mich mindestens genauso gefährlich, wie jene, die Polizisten umfahren oder ihr Auto in Menschenmengen lenken. All das begann mit Sicherheit auch „nur“ mit einem Gedanken, welcher aus einem kranken Geist einen Mörder bzw. Attentäter gemacht hat.
 
Wir sollten zusehen, dass jeder für seine Taten schnell bestraft und natürlich gegebenenfalls auch abgeschoben wird, sollte er unser Rechts- und Wertesystem mit Füßen treten.
 
Und nun nochmal an unsere strammen, möchtegern-deutschen Stammleser, welche glauben, uns an der BTU oder irgendwo am linken Rand zu suchen:
Wir müssen euch leider enttäuschen. Wir stehen mitten in der Gesellschaft und im Leben, haben einen Job und der Großteil hat mehr als nur ein Kind. Womöglich spiegeln wir das klassische Gesellschaftsbild mehr wieder, als ihr es je könnt.

Persönliche Worte von Micha

HandgehatenSchon wieder ein Verbrechen, ein Mord, ein Attentat, eine Amokfahrt. Bestimmt ein „sogenannter“ Flüchtling. Wieder ein „tragischer“ Einzelfall. Alle abschieben. STOP!
 
Die Kommentarspalten unter Newsmeldungen von Gewalttaten glühen vor Beschuldigungen, Vermutungen, Beschimpfungen…. da haben Menschen anderen Menschen Gewalt angetan, sie überfahren, vergewaltigt oder gar ermordet. Und die meisten Facebookuser fragen sich als erstes welcher Herkunft der Täter war? Ob er südländisch aussah und selbst wenn es ein Deutscher war, das kann ja heute Jeder. Hat er denn Migrationshintergrund?
 
Ich sage, diese Facebookuser sollten sich schämen. Sie machen eine schreckliche Tat noch schlimmer in dem Sie gleich ganze Bevölkerungsgruppen mit unter Generalverdacht stellen. Am Ende fühlt sich der Deutsche unwohl, nur weil er einen syrischen Nachbarn hat oder nimmt sein Kind beiseite wenn er arabisch aussehende Menschen auf seiner Straßenseite sieht. All das hatten wir schonmal in Deutschland und es führt am Ende womöglich irgendwann zu Gewalt gegen Ausländer.
 
Immer wieder wenn heutzutage ein Verbrechen passiert, kriechen die Hetzer aus ihren Löchern und füllen die Kommentarspalten um Angst zu verbreiten und den Rechtsstaat in Misskredit zu bringen. Dabei ist Justizia blind und jeder vernünftige Mensch sollte es den Gerichten überlassen über diese Täter zu richten.
 
Egal ob Heidelberg, Müllrose oder Cottbus, den Opfern und deren Angehörigen gilt unser ganzes Mitgefühl und den Tätern, egal welcher Herkunft sie sind, die volle Härte unserer Gesetze.

Auch wenn es schwerfällt, bleiben wir bei den Fakten:

HandgehatenAuch wenn es schwerfällt, bleiben wir bei den Fakten: Eine Rentnerin aus Cottbus wurde ermordet. Der mutmaßliche Täter war zum Tatzeitpunkt minderjährig und ist syrischer Staatsbürger.
 
Auch wir sind in Gedanken bei den Angehörigen des Opfers und wünschen ihnen genug Kraft, die kommenden Monate durchzustehen. Gleichzeitig hoffen wir, dass der Täter seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Alles andere widerspräche unserem Verständnis von einem Rechtsstaat.
 
Aus Gründen der Pietät werden wir sämtliche Kommentare, die sich in irgendeiner Weise der blinden Hetze hingeben und dieses Verbrechen instrumentalisieren wollen, kommentarlos löschen.
 
In den nächsten Stunden werden sich einzelne von uns persönlich zu Wort melden. Es ist wichtiger denn je Gesicht zu zeigen und sich nicht hinter Pseudonymen und Masken zu verstecken.

kolumne_swDer vermutliche Anschlag von Berlin hat auch uns fassungslos gemacht. Mindestens 12 Menschen sind gestorben, dutzende weitere sind verletzt.

Was treibt einen Menschen zu einer solch grausamen Tat? In aller erster Linie der Hass auf Menschlichkeit. Es sind genau solche Taten und Menschen, vor denen die, die bei uns Schutz suchen, geflohen sind.

Berlin zeigt aber auch einmal mehr, dass sich Populisten und rechte Hetzer nicht zu schade sind, schon wenige Minuten nach der Tat Leichenfledderei zu betreiben und auf dem Rücken der Opfer und all derer, die jetzt in Sippenhaft genommen werden, ihre Ideologie unter das Volk zu streuen und den Hass noch tiefer zu verwurzeln. Das alles für ein paar Stimmen mehr bei der nächsten Wahl. Aus diesem Grund werden wir reißerische Beiträge unter dieser Veröffentlichung kommentarlos löschen.

Wir bitten euch: Fallt nicht auf die billigen Tricks dieser Leute rein. Teilt nicht ihre Beiträge auf Facebook und Twitter, verfallt nicht in Hysterie oder Schockstarre. Vielmehr geht es nun wieder darum, in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer zu sein und auch denen beizustehen, die nicht direkt davon betroffen, vielleicht aber durch diese Tat tief verunsichert worden sind. Auch denen sollten wir jetzt beistehen, die nun von wem auch immer unter Generalverdachte gestellt werden, die mit dem Attentäter aber genauso wenig zu tun hatten, wie der Cottbuser Christ mit Anders Breivik. Nehmen wir uns ein Beispiel an Norwegen: Einen Tag nach Breivik kam das Land zusammen und beschwor die Menschlichkeit.

Denn das, was wir jetzt am dringendsten brauchen, ist genau das: Zusammenhalt und Menschlichkeit.

#PrayForBerlin

Die „Patrioten Cottbus“ und das Problem mit der Relevanz

HandgehatenDie Geschichte der selbsternannten Patrioten Cottbus war von Anfang an begleitet von Pleiten, Pech und der offensichtlichen Unfähigkeit der Protagonisten. Die wiederum, auch das ist Teil dieser Geschichte aus dem Hause Absurdistan, zu einem Großteil noch nicht einmal Cottbuser sind.

Eigentlich ist die ganze Geschichte kaum der Rede wert, wir haben für euch die Ereignisse rund um diesen Tag der Vollständigkeit halber trotzdem zusammengefasst. Anfang Oktober erstellt Lutz M. bei Facebook eine Veranstaltung und lädt zu einer Kundgebung „Gegen Asylmissbrauch“ auf den Erich-Kästner-Platz in Cottbus. Blöd nur: Er vergaß scheinbar die Kundgebung auch tatsächlich anzumelden. Die Leute vom Piccolo-Theater wiederum nutzten diesen Fehler und meldeten kurzerhand eine eigene Veranstaltung an.

Wer ein echter Patriot sein will, lässt sich davon natürlich nicht beirren. Und so wurde die Kundgebung auf den wesentlich unattraktiveren Parkplatz gegenüber verlegt, angeblich angemeldet für 1.000 Menschen. Das anvisierte Ziel wurde letzten Endes auch nur knapp verfehlt. Um 965 Menschen, um ganz genau zu sein. Daran konnte auch die bundesweit bekannte Frontfrau verschiedener fremdenfeindlicher Bewegungen, Ester Seitz, nichts ändern.

Außerdem mit dabei: eine Dresdenerin, die unter anderem mit fremdenfeindlichen Demonstrationen in Heidenau aufgefallen ist, sowie ein besonders fragwürdiger Vertreter der Mahnwachen-Bewegung aus Weißwasser, der unter anderem auch bei der Cottbuser Mahnwache über mehrere Wochen hinweg mitgewirkt hat. Auch ein Vertreter der so genannten Reichsbürger hat sich zu Wort gemeldet. Diese im Vorfeld schon angekündigten Redner sind bei den gut 35 Teilnehmern im Übrigen schon eingerechnet. Es ist eine erfreuliche Entwicklung, dass solche Demonstrationen in Cottbus keinen Zuspruch finden, erinnern wir uns an die letzten 15. Februar-Demos oder die von der NPD inszenierten Läufe durch Sachsendorf Ende 2015. Zeitgleich ist aber auch in unserer Stadt die Zahl von vermutlichen oder tatsächlichen rechtsextremen Übergriffen wieder stark gestiegen. Es sind zwei Seiten einer Entwicklung, die wir auf jeden Fall weiter kritisch begleiten werden.

Was bleiben wird von diesem Tag, ist eine Feststellung von jener schon oben genannten Ester Seitz: Diese Veranstaltung hätte symbolischen Charakter. Mit Blick auf die Teilnehmerzahler ist dem nichts mehr hinzuzufügen.

[H]AN[D]GEHALTEN! „Der Terror ist angekommen!“

Handgehaten

Nun ist es soweit! Der Terror ist in Deutschland angekommen.
Zumindest liest man dies überall und selbst vor meiner Familie macht diese Terrorangst nicht mehr halt. Meine Frau meinte gestern zu mir, dass sie ein mulmiges Gefühl hat, wenn sie an einer Gruppe arabisch aussehender Männer vorbei muss. Obwohl sie genau weiß, dass ihre Angst höchstwahrscheinlich unbegründet ist und sie sich auch selbst für flüchtende Menschen einsetzt, so ist sie nicht mehr vorurteilsfrei. Ähnlich ist es in meiner Nachbarschaft, viele finden es toll, dass ich mich so engagiere, aber auch sie haben genau dieses mulmige Gefühl und dieses Misstrauen.

Auch wenn ich es besser weiß, kann ich meine Frau und meine Nachbarn gut verstehen. Oft geht es auch uns Admins so, dass Gefühle über den Verstand siegen und man dann besser nicht grad einen Beitrag kommentiert oder einen Post absetzt. Wenn man die Bilder aus Nizza und Würzburg sieht, bekommt man eine Wut im Bauch. Was treibt diese Islamisten dazu, uns so etwas anzutun? Gerade der Fall in Würzburg hat meine Familie sehr bewegt. Ein Jugendlicher, der integriert schien, verbreitet Terror. Da versteh ich natürlich sehr gut, dass man das Engagement in der Flüchtlingshilfe hinterfragt.

Doch sollten wir diese Hilfe hinterfragen? Sollten wir unsere Menschlichkeit, unsere Weltoffenheit und unsere Toleranz von Terror vergiften lassen? Taten wie in Nizza und Würzburg wird es bestimmt wieder geben, aber wollen wir deswegen dem Hilfesuchenden Hilfe verwehren? Für mich ein klares Nein! So sind die meisten Asylbewerber gern hier und sind sehr dankbar für die Hilfe. Klar gibt es kulturell und gesellschaftlich viele Unterschiede, die auch nicht in ein paar Wochen zu lösen sind. So ist es wichtig, weiter aufeinander zuzugehen und Probleme anzusprechen, denn nichts ist schlimmer als aus falschem Verständnis zu schweigen. Auch das ist Integration und verhindert das Aufstauen von Frust und Missverständnissen

Wie sollten also, trotz der vielen schlechten Nachrichten, den Mut haben, weiter unsere Menschlichkeit zu zeigen, zu helfen und zu unterstützen, ohne nach Herkunft, Glaube oder politischer Ansicht zu fragen.

Vielen Dank für’s lesen.

Thilo Sarrazin im Weltspiegel

Handgehaten

 

Ich dachte ich wüsste genau, was mich dort erwartet. Ich habe zumindest sein erstes Buch gelesen, schwere Lektüre. Inhaltlich – nun ja, mittlerweile wurde darüber ja ausgiebig diskutiert. An diesem Abend ging es um sein neues Buch „Wunschdenken“, eine Utopie darüber, wie sich die deutsche und teilweise europäische Politik verbessern ließe, sagt er selbst. 500 Menschen haben den Weg in den Weltspiegel gefunden, das historische Gebäude ist nahezu ausverkauft. Ich bin einer von ihnen. Vor dem Weltspiegel hat sich die Polizei positioniert, daneben rund 80 Menschen die gegen den Auftritt des umstrittenen Autors demonstrieren. Im Gebäude selbst stehen einige Securities verteilt, rein kommt man nur nach einer Taschenkontrolle. An einem kleinen Stand werden Sarrazins Bücher verkauft – und die des Autors Udo Ulfkotte, einem im Kopp-Verlag beheimateten Demagogen unterster Schublade (meine Einschätzung, nicht notwendigerweise die Meinung der restlichen Adminschaft).

Der Weltspiegel ist fast bis auf den letzten Platz ausverkauft, trotz stolzer 15 Euro pro Karte im Vorverkauf. Und die meisten der Anwesenden stehen hinter Sarrazin und seinen Aussagen, das wird schon nach wenigen Minuten klar. Was aber ab jetzt passierte, machte mich einfach nur fassungslos und traurig. Rund 40 Minuten lang schmettert Sarrazin eine rassistische und menschenverachtende These nach der anderen und erntete dafür sogar noch Applaus aus der Menge. Ein Beispiel: Sarrazin macht sich Gedanken über die Flüchtlingssituation. Abgelehnte „Asylanten“ (seine Worte, nicht meine) müssten unverzüglich abgeschoben werden. Was aber tun, wenn die Herkunftsländer die Menschen nicht zurück nehmen wollen? Ganz einfach, so Sarrazin: Wir stecken die abgelehnten „Asylanten“ in ein Flugzeug, rechts ein Jäger, links ein Jäger. Und dann setzen wir sie in der afrikanischen Wüste aus. Rein, raus, fertig. Nochmal zusammengefasst: Er will Menschen mitten in der afrikanischen Wüste aussetzen. Ich reiße hier nichts aus dem Zusammenhang oder dichte um, genau so hat er es gesagt. Und das Publikum applaudierte. Genauso als er davon sprach, dass die meisten dieser Menschen ihren Namen eh nicht richtig schreiben können und es wohl auch nie besser lernen werden. Außerdem träumt er vom Schutz der deutschen Grenzen, im besten Falle durch eine Mauer. Das wird deutlich wenn er vom Römischen Limes oder der Chinesischen Mauer träumt, die 2000 Jahre lang Feinde fern hielt.

Den Rest der Rede möchte ich hier gar nicht weiter kommentieren, nur so viel: Besser wurde es nicht. Auch nicht im Gespräch mit Klaus Rost, dem langjährigem Chefredakteur der Märkischen Allgemeinen (Fun-Fact am Rande: genau zu der Zeit als Alexander Gauland dort Herausgeber war). Rost, an diesem Abend mehr Stichwortgeber als Moderator, konfrontierte Sarrazin mit Zitaten seiner „Feinde“. Sarrazin selbst hatte darauf im Kern immer nur eine Antwort: Die Kritiker hätten seine Bücher nicht gelesen.

So war dieser Abend für mich gleichzeitig erschütternd und erhellend. Rassistische Ansichten müssen nicht mehr versteckt werden. Man kann sie offen und öffentlich aussprechen und erntet dafür im besten Fall sogar noch tosenden Beifall. Ich wusste worauf ich mich da einlasse, aber sowas habe ich einfach nicht erwartet. Cottbus, an diesem Abend habe ich mich tatsächlich für dich geschämt.

[H]AN[D]GEHALTEN! „Toleranz oder Akzeptanz?“

Handgehaten

 

In den letzten Monaten zweifelte ich oft an unserer Bevölkerung. Hass und Hetze vergifteten all das, was ich an unserer Gesellschaft so mochte. War es für uns nicht selbstverständlich, farbige Menschen in unseren Straßen zu sehen? War Cottbus nicht immer durch die Uni ein Pool an multikulturellem Leben? Sind Doppelbeschilderungen, um die sorbische Sprache weiter zu pflegen, nicht für uns normal? Ist es nicht selbstverständlich, dass zwei Männer oder zwei Frauen Hand in Hand die Straße entlanglaufen? Gehörte es nicht auch zu unseren Werten, jedem Schwachen zu helfen, egal ob Mensch oder Tier? Ich dachte immer: genau das macht unsere moderne Zivilisation aus, dass Religion, Sexualität und Herkunft völlig egal sind und man sich immer mit Toleranz begegnet, aber hier liegt wohl genau das Problem.

Toleranz ist die Duldung eines Zustandes, das war mir gar nicht so bewusst. Wenn ich also etwas dulde oder erdulde, ist dies nicht immer freiwillig. Man duldet etwas, weil die meisten in der Bevölkerung es tun oder weil man es aus dem Elternhaus gehört hat, dass es besser ist „Die“ machen zu lassen. Wenn dann einige Wenige sagen, dass sie es überhaupt nicht dulden, fällt es jemandem, der ähnlich denkt viel leichter etwas nicht mehr zu erdulden. Und schon hat Toleranz ihr Ende gefunden. Dumpfe Parolen und Geschichten wie aus der Vorkriegszeit haben bei vielen Ängste geschürt und ihnen das Dulden unmöglich gemacht. Nun war mir klar, was wir eigentlich erreichen müssen, dass Menschen einen Zustand akzeptieren und nicht nur tolerieren.

Akzeptanz ist nämlich im Gegensatz zur Toleranz freiwillig und drückt laut Wikipedia ein zustimmendes Werturteil aus. Dies heißt so viel, dass ich einen Zustand, einen Kontext oder einen Menschen so gut verstanden habe, dass ich ihn akzeptiere. Wenn mein bester Kumpel morgen ankommt und darüber berichtet, er liebe Männer, werde ich das anfangs wohl eher tolerieren. Doch wenn ich sehe mit welcher Liebe er zu seinem Partner steht und wie wichtig ihm das ist, so werde ich diese Liebe akzeptieren. Er bleibt ja schließlich mein Kumpel. Wenn ich Sachen zu einer Flüchtlingsfamilie bringe und sehe, dass die Frau meist nur bemüht ist, dem Mann zu dienen, so werde ich dies auch anfangs nur tolerieren. Besuche ich sie immer wieder und sehe mit welcher Liebe sich Mann und Frau begegnen und mit welcher Hingabe sich beide um ihre Kinder kümmern, so werde ich dies auf kurz oder lang akzeptieren. Akzeptanz hat nur ein Riesenproblem, sie braucht Zeit.

Wenn jeder mal in seiner Familie schaut, hat er ähnliche Probleme im Kleinen schon mehrfach erlebt. Da besucht man seine zukünftigen Schwiegereltern und diese lassen kein gutes Haar an einem, selbst zur Hochzeit wird die Beziehung nur geduldet. Aber kommen dann Kinder, wird aus der Toleranz meist ganz schnell Akzeptanz. Auch im Kleinen brauchen diese Dinge Zeit, können nicht auferlegt oder erzwungen werden. Wer sich also diese Zeit nimmt, sich auf die verschiedenen Dinge und Situationen einlässt, wird nicht mehr nur noch tolerieren, sondern akzeptieren und so auf Dauer die Werte unserer Gesellschaft festigen. Hetze und Falschmeldungen werden dann viel weniger Chancen haben, auf fruchtbaren Boden zu stoßen.

Um diese Akzeptanz irgendwann zu erreichen, möchten wir euch auf unserer Seite in den nächsten Wochen viele Beiträge zusammentragen, die zum besseren Verständnis beitragen. Interviews mit Vertretern unterschiedlicher Religionen, Videos mit Botschaftern der Schwulenbewegung machen und die Vergangenheit von Sorben und Wenden im Dritten Reich betrachten. Sogar die Gastarbeiter in der DDR-Vergangenheit werden wir, sofern wir genug Informationen haben, thematisieren.

Akzeptanz braucht halt Zeit und die nehmen wir uns.