HANDVOLL GESCHICHTE

Gedenken an die Reichspogromnacht – Der Bundespräsident in Cottbus

Die aktuellen Ereignisse lassen uns derzeit vieles vergessen. Deshalb wollen wir gerade heute an die Vergangenheit erinnern.
Am Abend des 09. November 1938 war für viele jüdische Bürger nichts mehr so wie am Tag zuvor. In der Nacht zum 10. November wurden deutschlandweit zahlreiche jüdische Geschäfte zerstört oder geplündert, Familien aus ihren Häusern gezogen, gedemütigt, geschlagen oder sogar getötet. Es war die Pogromnacht, die der Beginn einer unvorstellbaren Leidensgeschichte war.

Auch in Cottbus wurden Geschäfte geplündert und die Synagoge in der heutigen Karl-Liebknecht-Straße zerstört, nur eine Gedenktafel am Eingang der Stadtwerke erinnert noch an das Gotteshaus. Es ist kaum vorstellbar, dass wir heute wieder eine Synagoge in Cottbus haben. So erfüllt es uns schon ein bisschen mit Stolz wenn der Bundespräsident in unsere Stadt kommt, um an der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht teilzunehmen und sich dabei auch die neue Synagoge anschaut. Cottbus beweist mit dieser Synagoge, dass Glaubensfreiheit in unserer Stadt mehr als nur ein Wort ist. Möge keine Wahl der Welt etwas daran ändern.

Fotos: Michael Heger

Der verlorene Zug

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Es ist der Morgen des 23. April 1945, etwa 2 Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation der dt. Wehrmacht. Wir befinden uns in der Nähe von Tröbitz, genauer bei Bahnkilometer 106,7 aus Richtung Falkenberg im heutigen Kreis Elbe-Elster.
Auf den Schienen der Bahnstrecke steht ein verlassener Zug. Als die Truppen der Roten Armee die Waggontüren öffnen, bietet sich ihnen ein grausamer Anblick. Zwischen zahlreichen Toten befinden sich völlig erschöpfte Menschen, näher am Tod als am Leben. Wie sich später herausstellte, war dieser Zug der letzte von Dreien aus dem KZ Bergen-Belsen, welcher in den letzten Wochen des NS-Regimes mit insgesamt 2400 Juden ( unter ihnen auch zahlreiche Frauen und Kinder verteilt auf 46 Wagen ) auf die Fahrt nach Theresienstadt ins dortige Konzentrationslager geschickt wurde.
Bereits unterwegs musste man öfter halten, um die Leichen neben der Bahnstrecke zu verscharren. Die meisten waren aufgrund von Typhus oder einfach an Hunger verstorben. Viele jedoch auch an den Folgen von Luftangriffen der Strecke. Letztendlich kam der Tross am 22. April 1945 bei Kilometer 101,6 bei Langennaundorf zum Stehen. An der Stelle wurde ein Massengrab ausgehoben und 16 Tote beerdigt. Tags darauf wurde er aus kriegsstrategischen Gründen nochmals bis zur finalen Fundstelle umgesetzt und verschlossen zurückgelassen.

Er ging in die Geschichte ein als “ der verlorene Zug “ oder treffender “ Zug der Verlorenen „.

Im weiteren Verlauf wurde ein notdürftiges Lazarett eingerichtet, die Epidemie eingedämmt und es konnten viele Menschen gerettet werden. Viele Einwohner nahmen sogar Juden bei sich zuhause auf, auch auf die Gefahr hin, sich mit Typhus anzustecken. Leider starben im weiteren Verlauf nochmals 320 Menschen an den Folgen dieser Tortur, darunter auch 26 helfende Einheimische. Nicht zuletzt auch durch das selbstlose Anpacken der Einwohner in den umliegenden Dörfern und deren Hilfsbereitschaft, haben rund 1500 der 2400 Gefangenen überlebt und konnten bereits bis Ende August, mit Hilfe der mittlerweile eingetroffenen Alliierten, das Dorf verlassen.

Was sollten wir daraus lernen oder noch besser, was haben wir daraus gelernt?

Ich selbst war am gestrigen Tag an eben dieser Stelle bei Kilometer 101,6 , der Stelle des Massengrabes und durfte an der Gedenkveranstaltung teilnehmen. Zur Erinnerung und zur Ehre der 16 dort begrabenen Juden,darunter 2 Kinder, wurde dort 1989 ein Stein gesetzt, an dessen Sockel die Namen der dort Ruhenden stehen.
Es waren nicht viele Menschen dort, vielleicht 30, Angehörige der Opfer, Anwohner und Vertreter der jüdischen Gemeinde und des Landkreises, sogar eine Schulklasse. Es war ein stilles Gedenken, mitten im Wald.

Der Rabbiner begann mit seinen Ausführungen und sagte die für mich prägendsten Sätze bisher:

„ …Wir reden bisher immer nur von der Nachkriegsgeschichte…vielleicht sind wir aber mitten in der Vorkriegsgeschichte, nochmehr Nationalismus, nochmehr Ausländerfeindlichkeit. Man hätte daraus lernen müssen, nur leider tat man es nicht. Und jetzt ersticken Leute in Lastwagen oder Containern auf der Flucht und ich mache mir Sorgen, dass wir irgendwann die nächste oder die übernächste Generation hier stehen haben werden und die Fragen hören: Wo genau ist mein Opa hier gestorben … “

ME

Quellen:
http://lokschuppenherzberg.de/-der-verlorene-zug-/index.html

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Verlorener_Zug

Erinnerung an die Reichskristallnacht

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Heute möchten wir an den 23. März 1933 erinnern. An diesem Tag vor 83 Jahren wurde das sogenannte Ermächtigungsgesetz beschlossen. Das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ sollte der NS-Regierung das Recht geben, Gesetze eigenständig zu erlassen und völkerrechtliche Verträge zu schließen, ohne den Reichstag oder Reichsrat vorher abstimmen zu lassen.

Die Notwendigkeit begründete Hitler mit der vermeintlichen Not, die im deutschen Volk herrsche und dass die Demokratie in diesem Zusammenhang nur schaden würde.

Vorbereitet wurde die Abstimmung schon weit vorher, so wurden die Mandate der 81 Abgeordneten der KPD schon am 8. März annulliert. Während der Abstimmung befanden sich bewaffnete Einheiten der SA im Reichstag um zusätzlich Druck auf die Abgeordneten auszuüben. Trotz dieser Vorbereitungen stimmten die 94 Abgeordneten der SPD gegen das Gesetz, was im Nachhinein eine Verhaftungswelle dieser auslöste.

Auch heute ist man in Anbetracht von Terroranschlägen oft bereit, demokratische Rechte aufzugeben. Noterlasse wie der Patriot Act in der USA werden vom Parlament selbst beschlossen und auch immer wieder aus unterschiedlichsten Gründen verlängert. In Europa wird nach den Anschlägen von Paris und Brüssel laut über Notstandsgesetze und Beschneidung von Bürgerrechten nachgedacht.

So sehr wir uns auch bedroht fühlen, so sollten wir uns unsere hart erkämpfte Demokratie nicht nehmen lassen. Meinungs- und Religionsfreiheit und unsere Toleranz gegenüber allen Menschen sind wichtige Eckpfeiler unserer europäischen Kultur geworden. Damals führten Ängste zur Aufgabe dieser Werte. Dieses Szenario sollte sich, auch angesichts von Terror, nie wiederholen.