Veranstaltungen

Cottbus bekennt Farbe – Eine Nachlese

Wie heißt es im Silvesterklassiker „Dinner for one“ so schön: Same procedure as every year. Der 15. Februar ist für Cottbus ein Tag, der seit vielen Jahren mehrere Funktionen erfüllt: Einerseits gedenken wir den Opfern der Bombardierung der Stadt während des Zweiten Weltkrieges. Andererseits nutzen wir den Tag, um unser Versprechen zu erneuern, dass so etwas nie wieder passieren wird. Aber in diesem Jahr war etwas anders. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat die NPD den Tag nicht für die Darbietung ihres verschrobenen Verständnisses der deutschen Geschichte instrumentalisiert. Ein Sieg der demokratischen Bündnisse, quer durch alle Schichten der Gesellschaft.
 
Man kann sich darüber streiten, aber aus meiner Sicht war das in den Demozügen spürbar. Die teilnehmenden Leute waren gelassen, es wurde getanzt und gefeiert, gleichzeitig aber auch gemahnt. Wieder einmal muss ich sagen: Ich bin stolz auf unser gemeinsames Cottbus. Natürlich gab es Leute die nicht verstanden haben, worum es eigentlich ging. Dass die Demonstration eben nicht in erster Linie dem Gedenken galt, sondern dass wir Cottbus zu einem Gebiet erklärt haben, in dem alle Platz haben und nebeneinander statt gegeneinander leben können. Dass es den ganzen Tag über im kompletten Stadtgebiet Veranstaltungen gab, deren Zweck eben jenes Erinnern war. Dazu erreichte uns beispielsweise ein kurzer Bericht der Veranstaltung in Schmellwitz:
 
„Der Muckeplatz in Schmellwitz ist heute Schauplatz des Gedenkens, gleichzeitig aber auch verschiedenster Aktionen gegen rassistische Umtriebe geworden. Rund 30 Leute waren mit dabei. Besonders beeindruckt haben mich die Schüler des Humboldt-Gymnasium, die mit Hilfe eines „PoetrySlams“ viele zum Nachdenken angeregt haben. Außerdem stellten sich Schüler vor, die sich im Projekt Schule ohne Rassismus engagieren, indem sie viele Aktionen zu Themen wie Toleranz, Akzeptanz und Flüchtlingshilfe veranstalten. Danach gab es zu diesem Thema noch eine Ausstellung im Kulturladen, bevor es dann in die Innenstadt zu den Demonstrationen ging.“
 
Ja, auch uns erreichten Berichte, Schüler wären zum Demonstrieren gezwungen worden. Abgesehen davon, dass die Demo nach Schulschluss stattfand: Auch auf Nachfrage konnte uns keiner eine dieser Schulen nennen, in denen Schüler gezwungen worden wären. Das spricht erst einmal für sich.
Was hängen bleiben muss von diesem 15. Februar ist folgendes: Wir sind nicht allein. Wir propagieren Zusammenhalt statt Hass. Wir können etwas bewirken, wenn wir denn nur wollen. Gemeinsam. Danke dafür <3

Ein Etappensieg für die Humanität

Plakat-deutschEs ist ruhiger geworden in Cottbus. Die erschreckenden Demonstrationen in Sachsendorf liegen mittlerweile ein Jahr zurück, Cogida hat sich der überwältigenden Gegenwehr der Cottbuser geschlagen gegeben, selbst die NPD zieht bei ihren Demonstrationen mittlerweile nur noch eine Hand voll Sympathisanten an.

Deswegen ist es auch auf unserer Seite in den letzten Monaten stiller geworden. Unser Credo: Wir müssen euch nicht täglich mit neuen Informationen füttern. Da gibt es andere, die das umfangreicher und weitreichenstärker können als wir. Was wir aber definitiv müssen: Wir melden uns zu Wort, sobald es die Situation erfordert.

So wie jetzt. Zwar haben wir keine eigene Aktion wie im letzten Jahr zum Gedenktag der Bombardierung auf Cottbus aber wir beteiligen uns an den vielfältigen Aktionen im Stadtgebiet und wollen Euch dazu aufrufen, auch mitzumachen! Denn auch wenn wir einen Etappensieg für die Humanität erreicht haben – der Kampf gegen Rassismus, Ausgrenzung und Unmenschlichkeit ist noch im vollen Gange. Es liegt weiterhin an uns allen zu verhindern, dass der Hass noch weiter in die Köpfe der Menschen sickert und sich dort festsetzt. Dafür braucht es Aktionen wie
„Solidarität statt Angst! Cottbus für Alle!“

Auch wenn die NPD diesmal wohl nicht marschieren wird, ist es uns wichtig in dieser unruhigen Zeit zu mahnen zu gedenken und Gesicht gegen Rassismus und eine Menschenverachtende Ideologie zu zeigen.

Hier ist der offizielle Aufruf zu „Cottbus bekennt Farbe“ am 15. Februar 2017:

http://www.cottbuser-aufbruch.de/de/aktuelles/2017-02-07-103600-pressemitteilung.html

Alle Demorouten:
http://www.cottbuser-aufbruch.de/de/aktuelles/2017-01-27-085000-cottbus-bekennt-farbe-demorouten.html

Und Infos zur Gedenkveranstaltung in Schmellwitz:
http://www.bv-schmellwitz.de/2017/02/01/fuer-toleranz-gegen-rassismus-schmellwitz-bekennt-farbe/

Gedenken an die Reichspogromnacht – Der Bundespräsident in Cottbus

Die aktuellen Ereignisse lassen uns derzeit vieles vergessen. Deshalb wollen wir gerade heute an die Vergangenheit erinnern.
Am Abend des 09. November 1938 war für viele jüdische Bürger nichts mehr so wie am Tag zuvor. In der Nacht zum 10. November wurden deutschlandweit zahlreiche jüdische Geschäfte zerstört oder geplündert, Familien aus ihren Häusern gezogen, gedemütigt, geschlagen oder sogar getötet. Es war die Pogromnacht, die der Beginn einer unvorstellbaren Leidensgeschichte war.

Auch in Cottbus wurden Geschäfte geplündert und die Synagoge in der heutigen Karl-Liebknecht-Straße zerstört, nur eine Gedenktafel am Eingang der Stadtwerke erinnert noch an das Gotteshaus. Es ist kaum vorstellbar, dass wir heute wieder eine Synagoge in Cottbus haben. So erfüllt es uns schon ein bisschen mit Stolz wenn der Bundespräsident in unsere Stadt kommt, um an der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht teilzunehmen und sich dabei auch die neue Synagoge anschaut. Cottbus beweist mit dieser Synagoge, dass Glaubensfreiheit in unserer Stadt mehr als nur ein Wort ist. Möge keine Wahl der Welt etwas daran ändern.

Fotos: Michael Heger

Die „Patrioten Cottbus“ und das Problem mit der Relevanz

HandgehatenDie Geschichte der selbsternannten Patrioten Cottbus war von Anfang an begleitet von Pleiten, Pech und der offensichtlichen Unfähigkeit der Protagonisten. Die wiederum, auch das ist Teil dieser Geschichte aus dem Hause Absurdistan, zu einem Großteil noch nicht einmal Cottbuser sind.

Eigentlich ist die ganze Geschichte kaum der Rede wert, wir haben für euch die Ereignisse rund um diesen Tag der Vollständigkeit halber trotzdem zusammengefasst. Anfang Oktober erstellt Lutz M. bei Facebook eine Veranstaltung und lädt zu einer Kundgebung „Gegen Asylmissbrauch“ auf den Erich-Kästner-Platz in Cottbus. Blöd nur: Er vergaß scheinbar die Kundgebung auch tatsächlich anzumelden. Die Leute vom Piccolo-Theater wiederum nutzten diesen Fehler und meldeten kurzerhand eine eigene Veranstaltung an.

Wer ein echter Patriot sein will, lässt sich davon natürlich nicht beirren. Und so wurde die Kundgebung auf den wesentlich unattraktiveren Parkplatz gegenüber verlegt, angeblich angemeldet für 1.000 Menschen. Das anvisierte Ziel wurde letzten Endes auch nur knapp verfehlt. Um 965 Menschen, um ganz genau zu sein. Daran konnte auch die bundesweit bekannte Frontfrau verschiedener fremdenfeindlicher Bewegungen, Ester Seitz, nichts ändern.

Außerdem mit dabei: eine Dresdenerin, die unter anderem mit fremdenfeindlichen Demonstrationen in Heidenau aufgefallen ist, sowie ein besonders fragwürdiger Vertreter der Mahnwachen-Bewegung aus Weißwasser, der unter anderem auch bei der Cottbuser Mahnwache über mehrere Wochen hinweg mitgewirkt hat. Auch ein Vertreter der so genannten Reichsbürger hat sich zu Wort gemeldet. Diese im Vorfeld schon angekündigten Redner sind bei den gut 35 Teilnehmern im Übrigen schon eingerechnet. Es ist eine erfreuliche Entwicklung, dass solche Demonstrationen in Cottbus keinen Zuspruch finden, erinnern wir uns an die letzten 15. Februar-Demos oder die von der NPD inszenierten Läufe durch Sachsendorf Ende 2015. Zeitgleich ist aber auch in unserer Stadt die Zahl von vermutlichen oder tatsächlichen rechtsextremen Übergriffen wieder stark gestiegen. Es sind zwei Seiten einer Entwicklung, die wir auf jeden Fall weiter kritisch begleiten werden.

Was bleiben wird von diesem Tag, ist eine Feststellung von jener schon oben genannten Ester Seitz: Diese Veranstaltung hätte symbolischen Charakter. Mit Blick auf die Teilnehmerzahler ist dem nichts mehr hinzuzufügen.

Interkulturelle Woche – Wir sind dabei

ikw_logo-auge-2016-4c_640x452pixel„Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt.“ – 2. Interkulturelle Woche in Cottbus – Und wir sind mit dabei!

Nach der Premiere im vergangenen Jahr wird vom 25.09. bis zum 08.10.2016 die zweite Interkulturelle Woche in Cottbus stattfinden. Im Mittelpunkt steht dabei das Miteinander, denn so lernt man sich am besten kennen.

„Ein Fremder ist ein Freund, den man nur noch nicht kennt.“ (irisches Sprichwort).
2015 wurden in kürzester Zeit über 40 Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet organisiert. Vom Fest der Kulturen, einen Film und einer Ausstellung im Obenkino, gemeinsames Kochen im RonaldMC Donald Elternhaus, ein russisches „Guten Morgen Cottbus“, Straßenfeste in Sandow und Schmellwitz, aber auch Fotoausstellungen, Diskussionen und die Vermittlung von Flüchtlingen in Arbeit waren wichtige Themen.

Dieses Jahr wollen auch wir uns beteiligen und haben uns mit dem Thema Religion auseinandergesetzt. Wir werden euch 4 verschiedene Religionen vorstellen und zu jeder Religion, werden 4 Cottbuser in Interviews erzählen wie sie leben.

Ein großes Dankeschön an alle Interviewpartner. Schön, dass auch alle bereit sind für Fragen von Euch zur Verfügung zu stehen. Also stellt Eure Fragen einfach in den Kommentaren unter den Interviews.

Sommerfest von FluMiCo in der Zuschka

Wir haben die Einladung von FluMiCo gern angenommen und heute spontan das Interkulturelle Sommerfest in Schmellwitz besucht. Es sollte dazu dienen, dass sich die Anwohner kennenlernen und so vorhandene Vorurteile abgebaut werden. Eine schöne Idee wie wir finden, gerade angesichts der leider unschönen Vorfälle der vergangen Zeit in diesem Stadtteil.
Leider fanden nur wenige der umliegenden, alteingesessenen Anwohner den Weg zum Fest. Gute Stimmung haben wir trotzdem vorgefunden und möchten euch mit nachfolgendem Video ein paar Impressionen vermitteln.

Einzigst unschöne Begegnung fand auf dem nahegelegenen Spielplatz statt. Dort wurden wir Zeuge, wie sich ein scheinbar wenig begeisterter Anwohner mit folgenden Worten Luft machte:
“ Wenn ich doch jetzt nur 5-6 Granaten hätte “

Fazit: Es wartet noch eine Menge Arbeit auf die durchaus engagierten Bündnisse und Vereine in und um Cottbus, denn auch solche Menschen müssen mitgenommen werden, nur so kann Integration wirklich funktionieren.

Der Link zu den Kollegen:
https://www.facebook.com/flumico/?fref=ts

Thilo Sarrazin im Weltspiegel

Handgehaten

 

Ich dachte ich wüsste genau, was mich dort erwartet. Ich habe zumindest sein erstes Buch gelesen, schwere Lektüre. Inhaltlich – nun ja, mittlerweile wurde darüber ja ausgiebig diskutiert. An diesem Abend ging es um sein neues Buch „Wunschdenken“, eine Utopie darüber, wie sich die deutsche und teilweise europäische Politik verbessern ließe, sagt er selbst. 500 Menschen haben den Weg in den Weltspiegel gefunden, das historische Gebäude ist nahezu ausverkauft. Ich bin einer von ihnen. Vor dem Weltspiegel hat sich die Polizei positioniert, daneben rund 80 Menschen die gegen den Auftritt des umstrittenen Autors demonstrieren. Im Gebäude selbst stehen einige Securities verteilt, rein kommt man nur nach einer Taschenkontrolle. An einem kleinen Stand werden Sarrazins Bücher verkauft – und die des Autors Udo Ulfkotte, einem im Kopp-Verlag beheimateten Demagogen unterster Schublade (meine Einschätzung, nicht notwendigerweise die Meinung der restlichen Adminschaft).

Der Weltspiegel ist fast bis auf den letzten Platz ausverkauft, trotz stolzer 15 Euro pro Karte im Vorverkauf. Und die meisten der Anwesenden stehen hinter Sarrazin und seinen Aussagen, das wird schon nach wenigen Minuten klar. Was aber ab jetzt passierte, machte mich einfach nur fassungslos und traurig. Rund 40 Minuten lang schmettert Sarrazin eine rassistische und menschenverachtende These nach der anderen und erntete dafür sogar noch Applaus aus der Menge. Ein Beispiel: Sarrazin macht sich Gedanken über die Flüchtlingssituation. Abgelehnte „Asylanten“ (seine Worte, nicht meine) müssten unverzüglich abgeschoben werden. Was aber tun, wenn die Herkunftsländer die Menschen nicht zurück nehmen wollen? Ganz einfach, so Sarrazin: Wir stecken die abgelehnten „Asylanten“ in ein Flugzeug, rechts ein Jäger, links ein Jäger. Und dann setzen wir sie in der afrikanischen Wüste aus. Rein, raus, fertig. Nochmal zusammengefasst: Er will Menschen mitten in der afrikanischen Wüste aussetzen. Ich reiße hier nichts aus dem Zusammenhang oder dichte um, genau so hat er es gesagt. Und das Publikum applaudierte. Genauso als er davon sprach, dass die meisten dieser Menschen ihren Namen eh nicht richtig schreiben können und es wohl auch nie besser lernen werden. Außerdem träumt er vom Schutz der deutschen Grenzen, im besten Falle durch eine Mauer. Das wird deutlich wenn er vom Römischen Limes oder der Chinesischen Mauer träumt, die 2000 Jahre lang Feinde fern hielt.

Den Rest der Rede möchte ich hier gar nicht weiter kommentieren, nur so viel: Besser wurde es nicht. Auch nicht im Gespräch mit Klaus Rost, dem langjährigem Chefredakteur der Märkischen Allgemeinen (Fun-Fact am Rande: genau zu der Zeit als Alexander Gauland dort Herausgeber war). Rost, an diesem Abend mehr Stichwortgeber als Moderator, konfrontierte Sarrazin mit Zitaten seiner „Feinde“. Sarrazin selbst hatte darauf im Kern immer nur eine Antwort: Die Kritiker hätten seine Bücher nicht gelesen.

So war dieser Abend für mich gleichzeitig erschütternd und erhellend. Rassistische Ansichten müssen nicht mehr versteckt werden. Man kann sie offen und öffentlich aussprechen und erntet dafür im besten Fall sogar noch tosenden Beifall. Ich wusste worauf ich mich da einlasse, aber sowas habe ich einfach nicht erwartet. Cottbus, an diesem Abend habe ich mich tatsächlich für dich geschämt.